{"id":129,"date":"2007-12-25T19:47:33","date_gmt":"2007-12-25T18:47:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.svenscholz.de\/index.php\/refeudalisierung-des-kulturbetriebes\/"},"modified":"2007-12-25T21:09:13","modified_gmt":"2007-12-25T20:09:13","slug":"refeudalisierung-des-kulturbetriebes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/svenscholz.de\/index.php\/refeudalisierung-des-kulturbetriebes\/","title":{"rendered":"Refeudalisierung des Kulturbetriebes"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Autobahn hatte ich irgendwann mal genug vom f\u00fcnften Mal Timbaland und der st\u00e4ndigen Wiederholung der schlimmsten Weihnachts-Popst\u00fcmpereien der 80-er und schaltete auf Deutschlandfunk. <\/p>\n<p>Dort dachte ich erst, in eine Vorlesung \u00fcber Literaturgeschichte geraten zu sein, um dann schallend lachend jeden weiteren Satz, den ich da zu h\u00f6ren bekam, laut zu beklatschen, der mir da entgegenschallte. Schallend lachend ab dem Moment, an dem mir klar wurde, in welchem Rahmen und wem gegen\u00fcber diese Rede da gehalten wurde.<\/p>\n<p>Denn wie sich zu Beginn des zweiten Teils (s. Zitate unten) herausstellte, wurde die Rede des <a href=\"http:\/\/www.weimar.waggadoo.de\/internet\/webseite.asp?id=18021&#038;m=34&#038;b=&#038;artikelid=22068\" target=\"_blank\">Tr\u00e4gers des th\u00fcringischen Literaturpreises<\/a>, die ein gewisser <a href=\"http:\/\/www.ingoschulze.com\/\" target=\"_blank\">Ingo Schulze<\/a> am 4. November vor der dort versammelten Mannschaft hielt, in voller <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/kulturfragen\/715514\/\" target=\"_blank\">L\u00e4nge ausgestrahlt<\/a>. <\/p>\n<p>Der mir erst etwas dr\u00f6ge erschienene Vorlesungspart des Beginns der Rede, in der Schulze die Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse der ber\u00fchmten &#8222;Italienreisenden&#8220; Goethe und Seums und deren \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeiten und Verwicklungen in den feudalen Deutsch-l\u00e4ndern ihrer Zeit beleuchtete, gewann pl\u00f6tzlich ungeahnte Aktualit\u00e4t und Brisanz, <a href=\"http:\/\/www.ingoschulze.com\/texte\/weimar.html\" target=\"_blank\">als Schulze pl\u00f6tzlich Dinge zu sagen wusste wie<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>[&#8230;] Meine erste Reaktion: Ich fragte mich, warum das Land Th\u00fcringen in seinem Kulturhaushalt nicht monatlich 250 Euro beiseite legt, um dann aller zwei Jahre einen Literaturpreis zu vergeben. Wir machen ein Geschenk, wenn es andere bezahlen.<br \/>\nAls ich die Dokumentation des ersten Th\u00fcringer Literaturpreises erhielt, sah ich mir zuerst die Fotos an. Die Urkunde von Sigrid Damm tr\u00e4gt als Briefkopf eben jenes E.ON Th\u00fcringer Energie &#8211; Logo. Sowohl an dem Rednerpult wie an der Fahne prangte das E.ON-Logo, so dass jemand, der nicht eingeweiht ist, meinen k\u00f6nnte, hier wird ein Betriebspreis in Th\u00fcringen vergeben.<br \/>\nIn mir erwachte sofort der Anzeigenblattverleger, der ich \u00fcber zweieinhalb Jahre gewesen war. Sollte ich mir nicht diesen Werbeplatz beim n\u00e4chsten Th\u00fcringer Literaturpreis sichern und daf\u00fcr meine 6000 steuerfreien Euro verzinst verwenden? Ich gew\u00f6nne die Aufmerksamkeit von vielen wichtigen Leuten, zum Beispiel die des th\u00fcringischen Kultusministers und wenn ich mal ein Anliegen h\u00e4tte, dann w\u00fcrde mich der Herr Minister bereits kennen und wissen, ich hab schon was f\u00fcr die Kultur getan. [&#8230;]<\/p><\/blockquote>\n<p>um aus der pers\u00f6nlichen Situation heraus ein allgemeineres Bild zu zeichnen, das deutlich die Zust\u00e4nde beschreibt, die mir auch t\u00e4glich aufsto\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>[&#8230;] Was mich als B\u00fcrger dieses Landes, der seit 1990 noch keine Wahl vers\u00e4umt hat, irritiert, ist eine Entwicklung in allen Bereichen unserer Gesellschaft, die uns zunehmend auf solche verantwortungsvollen Chefs angewiesen sein l\u00e4sst. Die Tendenz zur Refeudalisierung des Kulturbetriebes geht einher mit einer allgemeinen Privatisierung und damit \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche, des Gesundheitswesens, der Bildung, des Sports, des Verkehrssystems, der Wohnungswirtschaft, der Energiewirtschaft bis dahin, dass private Firmen Polizeiaufgaben \u00fcbernehmen. Ich f\u00fcrchte, dass es nur noch ein kleiner Schritt sein wird, bis auch im Auftrag Deutschlands private Milit\u00e4rfirmen zum Einsatz kommen. [&#8230;]<\/p><\/blockquote>\n<p>und er wird dabei auch mal richtig bissig:<\/p>\n<blockquote><p>[&#8230;] Mich st\u00f6rt, dass wir dabei sind, das aufzugeben, was in einem langen Prozess erk\u00e4mpft worden ist, n\u00e4mlich dass der demokratische Staat seine Verantwortung wahrnimmt, nicht nur f\u00fcr die K\u00fcnste. Mich st\u00f6rt, dass es kaum noch einen Ausstellungskatalog gibt ohne das Logo oder den Namen einer Firma, beinah jedes Festival oder Gastspiel gibt zu Beginn die Liste seiner Sponsoren bekannt. Selbst der Empfang der deutschen Botschaft in Rom zum Tag der Einheit wurde mit dem Dank an eine Autofirma er\u00f6ffnet, deren Produkte wie Karyatiden den Eingang schm\u00fcckten. Sie alle kennen Beispiele aus ihrem Alltag. Diese Refeudalisierung ist bereits zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit verkommen. Deshalb k\u00f6nnte man meinen, die Zust\u00e4nde in vielen deutschen Alters- und Pflegeheimen sind deshalb so erschreckend, weil es den Verantwortlichen nicht gelungen ist, Sponsoren zu aufzutreiben. [&#8230;]<\/p><\/blockquote>\n<p>und \u00fcberlegt<\/p>\n<blockquote><p>[&#8230;] Das hei\u00dft, mich st\u00f6rt, dass ich \u00fcber E.ON nachdenken muss, wenn ich den Th\u00fcringer Literaturpreis annehmen will.<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich muss ich mir Fragen gefallen lassen. Denn wie dem Energie Informationsdienst Nr. 34 diesen Jahres zu entnehmen ist, visiert E.ON trotz des milden Winters ein Ergebnis von 9 Milliarden Euro f\u00fcr 2007 an. Der bereinigte Konzern\u00fcberschuss legte f\u00fcr das erste Halbjahr um 9 Prozent, von 2,8 Milliarden auf 3,1 Milliarden zu. Wie k\u00f6nnte ich mich zu einem Werbetr\u00e4ger eines Unternehmens machen, dessen Chef trotz dieser Ergebnisse h\u00f6here Strompreise fordert und dieser allgemeinen Forderung dann auch konkrete Erh\u00f6hungen folgen l\u00e4sst, auch in Th\u00fcringen. Ist das heute jetzt und hier der richtige Platz, um meinem Preisgeldgeber sein Streben nach Maximalprofit vorzuwerfen. Soll ich sagen, wer solche Gewinne einf\u00e4hrt, darf die Preise nicht erh\u00f6hen?<br \/>\nWie gesagt, mein Zwiespalt ist seit jenem Anruf von Wulf Kirsten nicht geringer geworden. [&#8230;]<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine sehr grandiose Rede mit noch einer \u00fcberraschenden Pointe am Ende. Achso, und wer nicht soviel lesen will <a href=\"http:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/file\/dradio\/2007\/11\/07\/dlf_20071107_1737_20bd2931.mp3\" target=\"_blank\">kann sich die Rede auch anh\u00f6ren (mp3, ca. 1,5MB)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Autobahn hatte ich irgendwann mal genug vom f\u00fcnften Mal Timbaland und der st\u00e4ndigen Wiederholung der schlimmsten Weihnachts-Popst\u00fcmpereien der 80-er und schaltete auf Deutschlandfunk. 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