{"id":1786,"date":"2026-04-29T19:54:46","date_gmt":"2026-04-29T18:54:46","guid":{"rendered":"https:\/\/svenscholz.de\/?p=1786"},"modified":"2026-04-29T21:14:09","modified_gmt":"2026-04-29T20:14:09","slug":"konservative-kennen-keine-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/svenscholz.de\/index.php\/konservative-kennen-keine-zukunft\/","title":{"rendered":"Konservative kennen keine Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>Was viele, die sich \u00fcber das scheinbare Unverst\u00e4ndnis bez\u00fcglich Technik, Physik usw. der konservativen Politik wundern und die Ignoranz gegen\u00fcber Wissenschaft, offensichtlicher Vernunft und Logik beklagen und dahinter Inkompetenz und &#8222;Dummheit&#8220; vermuten, vergessen, ist, dass es da um was v\u00f6llig anderes geht als um die Probleml\u00f6sung einer Zukunftsherausforderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dieses Verhalten zu verstehen muss man sich glaube ich zwei Aspekte ansehen, denn ich glaube, es liegt hier ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis vor zwischen Motivation und Intention der Agierenden und der Beobachtenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Konservative Weltbilder schauen ja nicht in die Zukunft, das Konzept Zukunft ist f\u00fcr konservative Weltbilder eine Nebelwand mit nicht weiter definierbaren schemenhaften Schatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bestenfalls verwalten sie deshalb einen Status quo (Merkel), oft geht es \u00fcberdies darum, diesen Status quo m\u00f6glichst lange zu zementieren oder bei Disruptionen schnell wieder herzustellen (Kohl), weil Ver\u00e4nderung immer Gefahr und Anstrengung bedeutet, schlechtestenfalls bildet man sich ein, Zukunft dadurch vermeiden zu k\u00f6nnen, indem man m\u00f6glichst zur\u00fcck in die Vergangenheit strebt, um den Abstand zur Zukunft zu vergr\u00f6\u00dfern (Merz).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein progressives Weltbild dagegen ist alles bereits schon &#8222;Geschichte&#8220;, sobald es in der Gegenwart &#8222;passiert ist&#8220; und kann deshalb nicht mehr ge\u00e4ndert werden. Das Handeln in der Gegenwart zielt deshalb auf Ausformung einer gew\u00fcnschten noch nicht existenten, also in der Zukunft liegenden, &#8222;neuen&#8220; Gegenwart, in der dann neue\/andere, und hoffentlich &#8222;gewollte&#8220; Handlungsoptionen m\u00f6glich sind. Zukunft hei\u00dft: eine erw\u00fcnschte neue Gegenwart. Zweitrangig ob Neues zus\u00e4tzlich zu Bestehendem dazu kommt oder als Ersatz f\u00fcr Bestehendes.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine konservative Wahrnehmung der Welt ist Gegenwart das einzige, das existiert, weshalb man sie m\u00f6glichst so &#8222;stabilisieren&#8220; muss, dass sie sich m\u00f6glichst wenig ver\u00e4ndert, weil Ver\u00e4nderung bedeutet, dass die Gegenwart verloren ist, weil jede Alternative dazu ja nur ein formloser Nebel ist. Was man nicht sehen kann, existiert nicht, und wenn etwas existierendes durch etwas nicht existentes &#8222;ersetzt&#8220; wird hei\u00dft das: es ist nichts mehr da.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft hei\u00dft aus konservativer Perspektive immer: Verlust.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Verlust von Macht, Privilegien, Status, Geld, Jugend, Leben, Identit\u00e4t, was auch immer. Ersatzlos gestrichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da jede Anschuldigung von konservativer Seite ja bekanntlich in Wahrheit immer ein Gest\u00e4ndnis ist, macht das aus dieser Perspektive dann auch Sinn, dass &#8222;Die wollen uns was wegnehmen&#8220; ein zentraler Vorwurf gegen alles Nicht-konservative ist und Verlustangst der zentrale Trope all ihrer Narrative und Treiber ihrer Motivation.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass z.B. mit dem Ende des Patriarchats f\u00fcr M\u00e4nner nicht nur Macht- und Privilegienverlust verbunden ist sondern damit neue Freiheiten, h\u00f6here Lebensqualit\u00e4t und mentale Stabilit\u00e4t, interessanterem Gef\u00fchlsleben uvm. einher gehen k\u00f6nnen (und aus meiner Sicht: werden), k\u00f6nnen sie nicht sehen, weil: Nebel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Aspekt, die Motivation hinter ihren Handlungsrezepte, ist aus diesem Weltbild heraus konsequent und logisch:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Motivation hinter all diesen Narrativen<\/strong> von z.B. &#8222;Alternativen zu Erneuerbaren&#8220; in einer nicht n\u00e4her definierten &#8222;Zukunft&#8220;, die sich nur als Weiterentwicklung von Vorhandenem vorgestellt werden kann und nie als Ersetzen des Bekannten durch etwas wirklich &#8222;Neues&#8220; \u2013 Stichwort &#8222;effiziente Verbrenner&#8220;, aber auch &#8222;kleine&#8220; Atomkraftwerke (die nur kleiner skalierte Varianten der alten sind) oder &#8222;E-Fuels&#8220; usw. \u2013 <strong>ist nicht &#8222;Zukunft gestalten&#8220; sondern einfach nur<\/strong>  <strong>Zeit zu schinden<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Fusion wird &nbsp;seit ich denken kann (70ger) &#8222;in 30 Jahren den Energiebedarf der Welt decken&#8220;, E-Fuels versprechen, dass sich die Verbrenner-Technik, bis es sie &#8222;irgendwann in passenden Mengen&#8220; g\u00e4be, nicht ver\u00e4ndern muss, kleine Atomkraftwerke (SMRs) behaupten das selbe wie Fusion, ignorierend, dass auch die fr\u00fchestens in 15-20 Jahren ersten Strom liefern k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkel hat in den Nuller-Jahren f\u00fcr Mitte der 10er Breitband f\u00fcr alle versprochen und das 3-Liter Auto, in den 10ern dann die Deadline wieder um 10 Jahre verschoben, usw.. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Methode, etwas nur weit genug in die &#8222;Zukunft&#8220; zu versprechen, aber nichts zu tun, um auch dahin zu kommen und dann einfach nur die Deadline weiter zu schieben ist nichts Neues, sondern bew\u00e4hrte konservative Methode.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau genommen machen die das ja genau deswegen: um nichts JETZT machen zu m\u00fcssen. Ist ja irgendwo in dieser Nebelwand und damit \u00fcber den Rand der Welt und damit aus der eigenen Handlungswelt geschoben. Out of reach.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor diesem Hintergrund ist auch konservative Wirtschaftspolitik dann pl\u00f6tzlich sehr simpel und nachvollziehbar<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht darum, bestehenden (<em>wir<\/em> w\u00fcrden sagen: veralteten) Gesch\u00e4ftsmodellen und deren Profiteuren m\u00f6glichst viel Zeit heraus zu schinden, um das Geld, das eigentlich bereits in Zukunftsprojekte flie\u00dfen k\u00f6nnte, noch m\u00f6glichst lange in deren Taschen zu leiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der aktuelle Geldfluss, ist der, den sie sehen und kontrollieren k\u00f6nnen, da er ja seit Jahrzehnten etabliert ist und damit bekannt und pr\u00e4sent. <\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6gliche alternative Geldfl\u00fcsse liegen in deren Weltbild ja im Nebel und sind damit quasi nicht-existent. Das einzige, das sie sehen ist, dass der bestehende Geldfluss versiegt. Alles andere liegt hinter dem Ende der Welt, das Wasser fliest in eine Nebelwand ab und f\u00e4llt quasi \u00fcber den Rand ihrer Welt in einen undefinierbaren Void. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt: Verlust ist alles, was &#8222;Zukunft&#8220; in dieser Weltsicht f\u00fcr Konservative bereit h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sind Konservative nicht v\u00f6llig irrational, denen ist durchaus bewusst, dass das Wasser der Geldfl\u00fcsse nicht einfach &#8222;verschwinden&#8220; wird. Und ebenso ist ihnen bewusst, dass ein Status Quo nicht unendlich haltbar ist. In a way ist ihnen durchaus klar, dass ihr gef\u00fchltes Weltbild funktionale Probleme hat und Ver\u00e4nderung irgendwann nicht mehr vermeidbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber sie formen halt nicht &#8222;Zukunft&#8220;.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft &#8222;passiert&#8220; ihnen nur am Ende irgendwann. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zukunft ist f\u00fcr die wie sterben. Unausweichlich, ja, aber genau deshalb muss man alle Anstrengung darin legen, es m\u00f6glichst lange raus zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange sie noch irgendwie &#8222;Kontrolle&#8220; \u00fcber die Gegenwart haben, tun sie deshalb alles, diese Ver\u00e4nderung so lange wie m\u00f6glich zu verz\u00f6gern, auszubremsen, weiter in die Zukunft hinein zu schieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf menschlicher Seite m\u00f6glichst hinter ihre eigene Lebenszeit, so dass sie &#8222;den Nebel&#8220; nicht selbst erleben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf wirtschaftlicher Ebene&nbsp;weit \u00fcber die nat\u00fcrliche Lebenszeit ihrer Gesch\u00e4ftsmodelle und den nat\u00fcrlichen Verlauf ihrer Geldflussbetten hinaus, weil sie ihr Gesch\u00e4ftsmodell nicht an eine neue Landschaft anpassen k\u00f6nnen. Nicht weil sie&#8217;s nicht wollen, sondern weil sie die neue Landschaft ja erst sehen, wenn sie da ist (vorher lag die ja unsichtbar im Nebel), und dann \u2013 das zumindest ist ihnen klar \u2013 ist es zu sp\u00e4t, denn dann flie\u00dft das Wasser ja bereits woanders, w\u00e4hrend sie im jetzt ausgetrockneten Flussbett stehen. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was viele, die sich \u00fcber das scheinbare Unverst\u00e4ndnis bez\u00fcglich Technik, Physik usw. der konservativen Politik wundern und die Ignoranz gegen\u00fcber Wissenschaft, offensichtlicher Vernunft und Logik beklagen und dahinter Inkompetenz und &#8222;Dummheit&#8220; vermuten, vergessen, ist, dass es da um was v\u00f6llig anderes geht als um die Probleml\u00f6sung einer Zukunftsherausforderung. 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