{"id":3,"date":"2007-07-17T20:11:07","date_gmt":"2007-07-17T18:11:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.svenscholz.de\/?p=3"},"modified":"2007-09-20T10:15:43","modified_gmt":"2007-09-20T08:15:43","slug":"wenn-die-logik-einem-aufs-hirn-schlagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/svenscholz.de\/index.php\/wenn-die-logik-einem-aufs-hirn-schlagt\/","title":{"rendered":"Wenn die Logik einem aufs Hirn schl\u00e4gt"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen manch kritischen Kommentars \u00fcber unsere <a href=\"http:\/\/www.svenscholz.de\/index.php\/grundgesetz-bestellen-solange-es-es-noch-gibt\/\">Grundgesetz-f\u00fcr-Sch\u00e4uble-Aktion<\/a> ist mir mal wieder ein Ph\u00e4nomen aufgefallen, das zwar nicht neu ist, aber hartn\u00e4ckig: das Entweder-Oder-Denken, das zwei v\u00f6llig unzusammenh\u00e4ngende Punkte in einen Gegensatz konstruiert, wo sie dann als sich gegenseitig ausschlie\u00dfend verargumentiert werden.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt bei so Fragen an wie &#8220;Warum machst du nicht dasunddas&#8221;, also dem Versuch, mich dazu zu bringen, zu tun, was <i>sie<\/i> wollen (und gar selbst nicht tun?) und geht bis zu Belehrungen wie &#8220;Diesunddas zu machen w\u00e4re doch viel besser&#8221; &#8211; und zeigt damit den logischen Fehlschluss, dass da wer glaubt, wenn jemand eine Sache macht \/ an eine Sache denkt, dass das automatisch und zwingend ausschl\u00f6sse, auch etwas anderes zu tun oder sich Gedanken um anderes zu machen. Wenn ich Grundgesetze bestelle um sie dann an Politiker weiterzuschicken schlie\u00dft das sozusagen sofort aus, dass ich mich auch an anderen Demos beteilige, wenn ich mir Gedanken um Wale mache, dann schlie\u00dft das aus, dass ich mir Gedanken um Hungernde in der &#8220;dritten Welt&#8221; mache, wenn ich eine Aktion f\u00fcr den Erhalt unserer Grundrechte ansto\u00dfe, dann schlie\u00dft das aus, dass ich mich an anderen Aktionen beteilige, die auf dem Mist eines anderen gewachsen ist, wenn ich was ins Internet schreibe, schlie\u00dft das aus, dass ich dieselben Aussagen auch gegen\u00fcber realen Menschen in meiner Umgebung mache, usw. usf.<\/p>\n<p>Ich verstehe das nicht, und es macht mich w\u00fctend. <!--more-->W\u00fctend zum einen, weil diese Attit\u00fcde gegen meine Person als Ganze  geht, und dabei von Menschen kommt, die <i>mich<\/i> doch \u00fcberhaupt nicht kennen und die nichts von mir wissen au\u00dfer dem kleinen Ausschnitt, den sie von mir wahrnehmen k\u00f6nnen, indem sie das, was ich z.B. im Internet schreibe, lesen. Aber sie haben noch nie pers\u00f6nlich mit mir gesprochen oder mich \u00fcberhaupt au\u00dferhalb dieses kleinen Ausschnitts meines Lebens angetroffen, nehmen diesen kleinen Ausschnitt aber als &#8220;alles&#8221;.<\/p>\n<p>Ironischerweise am besten noch in den Vorwurf gepackt z.B. &#8220;<a href=\"http:\/\/sum1.onreact.com\/?p=1207\" target=\"_blank\">nur im virtuellen zu agieren und nicht im echten Leben<\/a>&#8221;, ohne zu bemerken, dass die Wahrnehmung dieses &#8220;rein&#8221; virtuellen nicht daran liegt, dass ich tats\u00e4chlich &#8220;nur dort&#8221; agiere, sondern daran, dass ich f\u00fcr diese Leute halt &#8220;nur dort&#8221; zu sehen bin (weil ich halt nicht in Bremen oder Berlin bin sondern da wo ich halt bin) <\/p>\n<p>Der Vorwurf, eine &#8220;nur virtuell handelnde Person&#8221; zu sein basiert also nicht auf meinen Handlungen, sondern der Unf\u00e4higkeit des Betrachters, mich auch woanders zu sehen als dort wo sie\/er mich sieht &#8211; und damit nur einen kleinen Teil meiner Handlungen geschweige denn Person (&#8221;Unf\u00e4higkeit&#8221; ist hier rein sachlich gemeint, im Sinne von &#8220;geht nicht anders&#8221;, nicht (ab)wertend).<\/p>\n<p>Der R\u00fcckschluss, dass ich nur Dinge t\u00e4te und mich nur dort bewegte, wo mich jemand bestimmtes sehen kann ist eine Logikfalle, in die dieser Betrachter, der sich der Eingeschr\u00e4nktheit seines Blickfeldes nicht bewusst ist, tapert. Nicht ich (oder im Beispiel jener GG-Bestell-Aktion: wir) &#8220;verwechseln das Internet mit dem echten Leben&#8221; sondern jene, die aus dem kleinen Blickfeld, das sie haben schlie\u00dfen, dass es au\u00dferhalb dieses ihres Blickfeldes nichts g\u00e4be.<\/p>\n<p>Ein weiteres Merkmal dieses Ausschlussdenkens zeigt sich, wenn selbstverst\u00e4ndlich davon ausgegangen wird, dass die eine Handlung jegliche andere Handlung ausschl\u00f6sse. Nein, wenn ich Sch\u00e4uble ein Grundgesetz schicke scheine ich nicht mehr auf Demos gehen zu k\u00f6nnen, nicht mit meinen Bandkollegen auf Rock-gegen-Rechts-Veranstaltungen spielen zu k\u00f6nnen, nicht mehr mit Nachbarn, Verwandten und Freunden \u00fcber z.B. GG und Menschenrechte reden zu k\u00f6nnen? <\/p>\n<p>Auch hier: nur weil ich nicht explizit jedesmal sage, was ich (noch) alles tu und das damit nicht von anderen gesehen werden kann hei\u00dft das nicht, dass es nicht da ist. Auch hier wird die eigene Wahrnehmung (bzw. das, was man nicht sieht) mit der Realit\u00e4t verwechselt und &#8220;nicht gesehen&#8221; als &#8220;nicht existent&#8221; geglaubt. Der Vorwurf, &#8220;Das Netz mit der Realit\u00e4t zu verwechseln&#8221;, trifft am Ende nicht den Beobachteten, sondern den Beobachter, der die M\u00e4ngel seiner M\u00f6glichkeit zur Beobachtung auf die Realit\u00e4t \u00fcbertr\u00e4gt. Letztlich ist es die Umsetzung voraufgekl\u00e4rten magischen Denkens: was ich nicht sehe existiert nicht.<\/p>\n<p>Der damit verbundene Wahrheitsanspruch, der da implizit mitschwingt, r\u00fchrt meiner Meinung nach aus einer \u00e4hnlichen, wenn nicht gar der selben, Fehlkonstruktion eines vermeintlichen Gegensatzes. Genau genommen ist vielleicht sogar der Glaube an die grunds\u00e4tzliche Gegens\u00e4tzlichkeit aller Dinge die Ursache f\u00fcr den Drang, solche Gegens\u00e4tze \u00fcberall zu sehen und zu konstruieren, egal ob sie einen Sinn machen oder nicht.<\/p>\n<p>Es war glaub&#8217; ich Augustinus, der das Prinzip der &#8220;einen Wahrheit&#8221; verk\u00fcndete und damit im Christentum als &#8220;Kirchenvater&#8221; Karriere machte, weil die Kirche mit diesem Prinzip, es gebe immer genau eine Wahrheit, und was dieser nicht entspr\u00e4che sei automatisch falsch, ihre Dogmen rechtfertigte.<\/p>\n<p>Dieses Prinzip findet sich heute verinnerlicht bis in die allt\u00e4glichsten Kleinigkeiten, wenn z.B. dar\u00fcber gestritten wird, wie man &#8220;am besten&#8221; (hei\u00dft: als einzig richtige M\u00f6gliochkeit) eine Geschirrsp\u00fclmaschine einr\u00e4umt oder, wovon hunderte Talkshows leben, ob &#8220;man&#8221; sich ein Tattoo stechen lassen &#8220;darf&#8221; oder nicht &#8211; immer auf der Suche nach &#8220;der&#8221; einen Wahrheit. Und freilich der Aburteilung von allem und jedem, der Dinge anders handhabt, denkt, glaubt oder auch nur schmeckt.<\/p>\n<p>Ich \u00e4rgere mich nicht \u00fcber jemanden, der mir sagt &#8220;Deine Bratkartoffeln schmecken mir nicht&#8221; oder &#8220;Deine Brille gef\u00e4llt mir nicht&#8221; &#8211; das ist dessen &#8220;Geschmack&#8221;, seine Meinung und sein Recht, diese zu haben und zu sagen. Aber ich \u00e4rgere mich, wenn daraus ein &#8220;Bratkartoffeln macht man aber so!&#8221; wird. Oder ein &#8220;Eine solche Brille sieht Schei\u00dfe aus.&#8221; im Sinne eines objektiven Urteils, das es in solchen fragen aber nunmal nicht geben kann. Noch bl\u00f6der wird es, wenn aus einem dieser &#8220;Du machst das falsch, weil richtig ist so&#8221; ein &#8220;du <i>bist<\/i> falsch wird, und die Sachebene (Ich kritisiere DAS (was du tust)) auf die Personenebene (Ich kritisiere DICH und deinen Charakter, das DAS ist nur der Aufh\u00e4nger f\u00fcr ein Werturteil \u00fcber dein komplettes Sein) \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p>Das Problem, in einer solchen &#8220;richtig-falsch&#8221; &#8211; &#8220;entweder-oder&#8221; &#8211; Welt zu leben ist, dass ich nicht mehr akzeptieren kann. Ich kann Handlungen des anderen, sofern sie von dem abweichen, wie und was ich tue, nicht akzeptieren, denn w\u00fcrde ich das, w\u00e4re der zwingende R\u00fcckschluss ja, dass meine Methode, am Ende meine Person, &#8220;falsch&#8221; ist, denn eine Wahrheit schlie\u00dft ja aus dass anderes auch wahr sein kann.<\/p>\n<p>Und deshalb wird sich dar\u00fcber gestritten, ob man Besteck mit dem Griff nach oben oder nach unten in den Besteckkorb der Sp\u00fchlmaschine tut. Oder ob andere Grundgesetze bestellen, um eins davon wieder als Symbol an einen Innenminister zu verschicken.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnte es so einfach sein: mit einem simplen &#8220;sowohl &#8211; als auch&#8221;, das man mal eben dorthin setzt, wo man ein &#8220;entweder &#8211; oder&#8221; stehen hat ist das Problem gel\u00f6st und ist es m\u00f6glich, eine solche Aktion nicht als DIE M\u00f6glichkeit zu sehen (und damit zu verwerfen), den aktuellen Tendenzen in der hiesigen Sicherheitspolitik zu entgegnen, sondern eine unter vielen. Eine <i>zus\u00e4tzliche<\/i> M\u00f6glichkeit, die summiert mit vielen anderen kleinen und gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten ein gro\u00dfes Ergebnis bringen kann. Eine M\u00f6glichkeit mehr f\u00fcr einen ganzen Katalog von M\u00f6glichkeiten, aus der sich jeder die (Plural!) M\u00f6glichkeiten raussucht, die ihm gefallen, zu ihm passen und die er individuell f\u00fcr sich (und nur f\u00fcr sich!)  f\u00fcr sinnvoll und machbar h\u00e4lt. <\/p>\n<p>Ein Argument &#8220;Bringt nix&#8221; lasse ich da nicht gelten, denn das ist mit der Aktion (wie mit vielen anderen Einzelaktionen) nicht m\u00f6glich &#8211; wer glaubt, <i>eine<\/i> (jaja, eben &#8220;die wahre&#8221;) Aktion k\u00f6nne das, was wir hier wollen bewirken, <i>der<\/i> ist naiv. Und der, der glaubt, ich oder eine Mehrzahl derer, die mitmachen w\u00fcrden das glauben. Nein, es ist ein Steinchen, ein Beitrag. Von vielen, deren Summe am Ende hoffentlich das bewirkt, was wir alle m\u00f6chten: den Umbau eines freiheitlichen Rechtsstaates in einen \u00dcberwachungs- und Misstrauenstaat verhindern..<\/p>\n<p>Und schon ziehen wir alle an einem Strang, auch wenn wir mal verschiedener Meinung sind.<\/p>\n<p>Das Leben k\u00f6nnte so einfach sein. Und ich m\u00fcsste mich nicht manchmal <a href=\"http:\/\/www.jensscholz.com\/2007\/07\/ein-grundgesetz-fr-schuble.htm#2838809632211131542\" target=\"_blank\">so<\/a> <a href=\"http:\/\/www.jensscholz.com\/2007\/07\/ein-grundgesetz-fr-schuble.htm#7375346941160340431\" target=\"_blank\">aufregen<\/a>. <\/p>\n<p>Und weil mir (zumal es in dem Fall nur eine kleine Handvoll ist) Leute, die in solchen Ausschlussschemata denken, letztlich am Arsch vorbei gehen, werden <a href=\"http:\/\/www.singvoegel.com\" target=\"_blank\">meine Musikerkollegen und ich<\/a> unsere Idee f\u00fcr ein kleines Dankesch\u00f6n trotz Bedenken, was da irgendwelche misanthropischen N\u00f6ler draus machen k\u00f6nnten und nat\u00fcrlich &#8220;falsche&#8221; oder gar &#8220;unlautere&#8221; Intentionen finden werden, die man uns unterstellen k\u00f6nnte, durchziehen. Jetzt erst recht. Ist aber noch &#8216;ne \u00dcberraschung &#8211; Stay tuned&#8230; <img src='http:\/\/www.svenscholz.de\/wp-images\/smilies\/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' \/> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen manch kritischen Kommentars \u00fcber unsere Grundgesetz-f\u00fcr-Sch\u00e4uble-Aktion ist mir mal wieder ein Ph\u00e4nomen aufgefallen, das zwar nicht neu ist, aber hartn\u00e4ckig: das Entweder-Oder-Denken, das zwei v\u00f6llig unzusammenh\u00e4ngende Punkte in einen Gegensatz konstruiert, wo sie dann als sich gegenseitig ausschlie\u00dfend verargumentiert werden. 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