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Eine weitere Beobachtung zur Jobsuche in Zeiten des „Fachkräftemangels“

Ich habe dann endlich einen neuen Job gefunden, seit 2026 gehöre ich wieder zum „produktiven“ Teil der Bevölkerung. Ich gebe zu, ich hätte Ende vorletzten Jahres nicht gedacht, dass es so lange dauert, aber wie ich vor fast einem Jahr ja schon schrob, ich habe die Kurzsichtigkeit meiner ach so „innovativen“ Branche, die ja auch gern „Strategie“ und „Zukunftsorientierung“ für ihre Klientel groß ins Schaufenster stellt, unter-, und die Vernunft und tatsächliche Zukunftsorientierung überschätzt.

Und so habe ich tatsächlich fast 100 Bewerbungen benötigt, um jetzt einen Arbeitgeber zu finden, dessen Mindset offenbar rarer ist als ich das vermutet hätte: jemand, der ganz bewusst nach Erfahrung gesucht hat und nach jemandem, der, wie hat er’s ausgedrückt, „einfach grundsätzlich weiß, was er tut ohne bei allem erst einmal ganz von vorn anzufangen“.

Das war genau, was ich versucht habe zu vermitteln und damit zu oft offenbar eher abgeschreckt habe: dass ich mit fast 30 Jahren Erfahrung in Print und Online Grafikdesign eine so solide und breite Basis habe, dass ich mich nicht mehr um Basics kümmern muss sondern direkt in die feinen Details gehen kann, auf die es am Ende ankommt um aus einem „Standard“ etwas Spezielles und „Besonderes“ machen zu können.

Ja, ich war wirklich so naiv zu denken, dass sowas wirklich gefragt wäre. Zu meiner Verteidigung dachte ich das aufgrund der meisten Stellenanzeigen, die einen immensen Wust von Skills aufführten, die sie suchten und die kein*e Berufsanfänger*in auch nur ansatzweise abdecken kann.

Wie sich rausstellte, wurden selbst von denen eher Juniors gesucht, ich kann mir dabei eigentlich nur vorstellen, wie das dann läuft: „Sie decken so etwa die Hälfte von dem ab, was wir suchen, das ist OK, der Rest kommt dann halt nach und nach dazu, aber freilich können wir dann auch nur ein entsprechendes Einstiegsgehalt ansetzen“ oder so.

Ich fand es jedenfalls auffällig, dass die schnellsten Absagen von Suchenden kamen, die nach einer eierlegenden Wollmilchsau suchten und offenbar auf eine Bewerbung einer solchen mit sofortiger Ablehnung reagierten.

Ich hatte mich im vorangegangenen Artikel ja schon über den obligatorischen Obstkorb lustig gemacht und über den Drang dieser ach so innovativen und „modernen“ Branche, Homeoffice bestenfalls als „Benefit“ anzupreisen und von großzügigen 2 Tagen von zuhause aus arbeiten „zu dürfen“ zu faseln, was besonders bei Angeboten irgendwo mitten in irgendwelchen Pampas spätestens dann nur noch lächerlich rüber kommt, wenn nach richtiggehenden Spezialisten gesucht wird.

Aber ein weiteres Thema, das mir auffiel und beim letzten Artikel noch nicht in voller Tiefe auf dem Schirm hatte, ist DAS Hype Thema derzeit: KI oder AI.

Die oft unverhohlene Fixierung darauf, dass man erwartet, dass man sich mit KI in einem Sinne „auskennt“, dass die die eigentliche Arbeit macht und man das offenbar jüngeren Menschen eher zutraut – oder glaubt, dass die Nutzung von KIs deren fehlende Praxis irgendwie ausgleichen würde – schien oft sehr deutlich durch. Was mich zur Überzeugung führte, dass es in ein paar Jahren ein großes Problem in der Branche geben wird:

Wenn zu einem großen Teil nur noch „günstige“ Menschen ohne sowohl umfassende als auch detaillierte und tief gehende Erfahrung eingestellt werden, die tatsächlich einen Großteil ihres Outputs auf Basis KI generierten Ausgangsmaterials erstellen und somit auch nie lernen, wie man überhaupt erst einmal diese Basics selber aufbaut und warum jede Minute Hirnschmalz, die man da reinsteckt (ich denke da in meinem Fall an so Grundstrukturen wie definierte Farbpaletten, Formatvorlagen, Templates, frühzeitige Berücksichtigung von Produktionsvorgaben usw.) für die Effizienz und Konsistenz daraus folgender Workflows hilfreich ist, dann fehlen solche Skills in ein paar Jahren, wenn die letzten Seniors, die das noch können und wissen, im Arbeitslosensystem verhungert sind bzw. sich entsprechend umorientiert haben um das nicht zu tun, während die Juniors nie über den „ich verfeinere einfach mal einen generischen Output“ hinaus gekommen sind.

Auch unter diesem Aspekt: „Fachkräftemangel“ my ass.

Und nein, auch wenn ich zu den „älteren“ gehöre, verteufle ich KI nicht. Ich sehe das als hilfreiches Tool, um Zeug zu machen, für das man früherTM einen Haufen Zeit verballerte für „Fleißarbeit“, die viel Zeit aber wenig Hirn brauchte.

Aber dass eine Branche, die „Kreativität“ und „Innovation“ als Kernelement ihrer Dienstleistung kommuniziert, dermaßen auf eine Technik setzt, die nur vorhandenes variieren kann und deren explizites Ziel es ist, möglichst generisch zu sein (nichts anderes ist die Suche nach der „größten statistischen Wahrscheinlichkeit“ ja), geht mir nicht in den Kopf.

Ich verstehe das so, dass man gern Junior-Gehälter für Senior-Output bezahlen möchte (oder glaubt, das tun zu können), da ist ein Bewerber wie ich, der das alles auch ohne KI könnte, natürlich „zu teuer“.

Dass meine Produktivität auf Senior-Niveau dabei freilich – auch „dank“ KI – nochmal deutlich höher wäre, wird da in dieser kurzsichtigen Rechnung natürlich auch noch übersehen, aber das ist nur ein zusätzliches Detail am Rande.

Naja, das wird denen in ein paar Jahren dann wohl auf die Füße fallen, weil deren „Vibe“-Personal auch nach Jahren Berufserfahrung nicht viel eigenes echtes Wissen und echte Fachkompetenz dazugewonnen haben wird. Wie sollten sie auch, wenn eine Black Box vielleicht sogar korrekten Output liefert, ohne dass deren „User“ nachvollziehen können, wie oder gar warum so und nicht anders?

Mal davon ab, dass AI ja zu einem nicht geringen Teil „Dunning-Kruger-as-a-Service“ ist, die Dinger hauen ihren Output ja stets mit dem Selbstvertrauen raus, dass alles super und richtig sei, egal wie sehr sie halluzinieren. Wie soll denn jemand, die/der nicht weiß ob etwas richtig oder falsch ist, die Ergebnisse ihrer KI-Werkzeuge überprüfen?

KI ist nur für die ein gutes Tool, die das, was sie KI machen lassen, auch ohne KI könnten.

Klar, bräuchten eventuell deutlich länger dafür, aber dafür nutzt man ja Werkzeuge, um Zeit oder Anstrengung oder beides zu reduzieren. Wer KI Zeug machen lässt, das sie/er selbst nicht kann, kann auch nicht beurteilen, ob die KI ein korrektes Ergebnis geliefert hat oder nicht.

Und wirds auch nie lernen, weil nachgewiesenermaßen KI beim Nutzer – mehr ist so eine Person am Ende dann nicht – keinen Lernprozess auslöst.

Ein „Vibe-Coder“, der selber keine Programmiersprache beherrscht, wird auch nach 5 Jahren „Vibe Coding“ nicht eine Zeile Programmcode selber schreiben können.

Kann mir aber egal sein, ich habe jetzt die Seiten gewechselt und bin in einer kleinen feinen Marketingabteilung einer B2B-Vertriebsfirma gelandet, die explizit nach jemandem suchte, „der Ahnung hat“ und diese Ahnung tatsächlich wertschätzt. Und die das nicht bereuen wird.

Art Deko Schreibtisch mit allerlei antiken Utensilien drauf.

Beobachtungen zur Jobsuche. Subjektiv und anekdotisch.

Da mein Arbeitsplatz die Insolvenz und den darauf folgenden Verkauf der Agentur, für die ich fast 18 Jahre arbeitete, nicht überlebt hat (und mir auch diese 18 Jahre nichts in Sachen Abfindung o.ä. gebracht haben, weil das in der Insolvenz nichts zählt) suche ich seit einiger Zeit nach einem neuen Job.

Dabei habe ich ein paar Beobachtungen gemacht. Das sind – natürlich – meine Beobachtungen und Erfahrungen. Wie weit die sich verallgemeinern lassen weiß ich nicht. Ich denke, zum Teil ja, zu einem weiteren Teil abhängig von meinen Kontexten, soweit sie denen anderer ähneln, auch, aber in großen Teilen bleibt es vielleicht auch sehr individuell.

Zu meinen Rahmenbedingungen, also den Parametern, mit denen ich mich in dieser Situation wiederfinde: Ich bin mit Mitte 50 nicht mehr ganz jung. Ich habe eine – nicht diagnostizierte, aber zu 99,99% sichere, Neurodivergenz (Autismus-Spektrum) und ich habe knapp 30 Jahre Berufserfahrung in der „Was mit Medien“-Branche, mit einem gewachsenen Skillset, das für diese Branche zusätzlich extrem breit gefächert ist.

Was ich damit meine: ich arbeite(te) seit fast 30 Jahren fast ausschließlich in Agenturen im Bereich Grafikdesign und Mediengestaltung.

Im Bereich Print gibts wahrscheinlich so gut wie nichts, das ich nicht schon gemacht hätte, da macht mir wahrscheinlich niemand mehr irgendwas vor: Print-Anzeigen, klassische „Broschüren und sonstige gedruckte Werbemittel“, andere Werbemittel auf allen möglichen Materialien, aber eben auch Magazine, ganze Bücher, Messeausstattung vom Zubehör über Einzelstand bis zu mehreren Messehallen inklusive Wegführung.

Auf der sogenannten „digitalen“ Seite gibts ebenfalls wenig, das ich nicht schon teils sehr intensiv gemacht habe, auch hier beim einfachen Werbebanner begonnen , natürlich Webseitenbau in diversen Content Management Systemen, aber auch „exotischere“ Dinge wie virtuelle Events von Webinaren bis live gestreamten Events aus Studios mit LED Wand und allem Pipapo. Also nicht „nur“ statische Grafik, sondern auch Bewegtbild und Ton, Filmschnitt, Speaker*innen-Schulung, und alles was da halt in Vor- und Nachbereitung sonst noch so dazu gehört.

Daneben bedeuten solche teils sehr großen und Dutzende Aspekte und Firmen und Rollen involvierende Projekte natürlich auch viel „Management“ und Betreuung, also Koordination von Zulieferern und Partnern, Produktionsplanung und -management, man ist beratend und supportend unterwegs von der Angebotsphase an, macht das fachliche Projektmanagement, schaut, dass so ein Projekt nicht nur von der Timeline sondern auch wirtschaftlich „funktioniert“ und vieles mehr.

Viel Exposition, aber IMO nötiger Kontext zu meinen nun folgenden Beobachtungen:

Das Alter ist Faktor Nummer Eins

Egal, was behauptet oder auch gesetzlich vorgegeben ist: dass ich bei inzwischen mehreren Dutzend Bewerbungen bislang nur genau eine(!) Einladung zu einem Erstgespräch bekam (wahrscheinlich, weil die Firma nur wenige Kilometer von meinem Wohnort mitten in der Odenwälder Pampa rumsteht. Dass es nicht „geklappt“ hat, hatte andere Gründe), kann eigentlich nicht sein, vor allem, wenn es einen Haufen Stellenanzeigen gibt, auf die ich wie die Faust aufs Auge passe, obwohl (oder weil) sie ein so diverses Profil verlangen, das niemand mit grad mal rund 3 Jahren Berufserfahrung, aber auch kein*e langjährige*r Spezialist*in, auch nur ansatzweise erfüllen kann.

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