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Konservative kennen keine Zukunft

Was viele, die sich über das scheinbare Unverständnis bezüglich Technik, Physik usw. der konservativen Politik wundern und die Ignoranz gegenüber Wissenschaft, offensichtlicher Vernunft und Logik beklagen und dahinter Inkompetenz und „Dummheit“ vermuten, vergessen, ist, dass es da um was völlig anderes geht als um die Problemlösung einer Zukunftsherausforderung.

Um dieses Verhalten zu verstehen muss man sich glaube ich zwei Aspekte ansehen, denn ich glaube, es liegt hier ein großes Missverständnis vor zwischen Motivation und Intention der Agierenden und der Beobachtenden.

Konservative Weltbilder schauen ja nicht in die Zukunft, das Konzept Zukunft ist für konservative Weltbilder eine Nebelwand mit nicht weiter definierbaren schemenhaften Schatten.

Bestenfalls verwalten sie deshalb einen Status quo (Merkel), oft geht es überdies darum, diesen Status quo möglichst lange zu zementieren oder bei Disruptionen schnell wieder herzustellen (Kohl), weil Veränderung immer Gefahr und Anstrengung bedeutet, schlechtestenfalls bildet man sich ein, Zukunft dadurch vermeiden zu können, indem man möglichst zurück in die Vergangenheit strebt, um den Abstand zur Zukunft zu vergrößern (Merz).

Für ein progressives Weltbild dagegen ist alles bereits schon „Geschichte“, sobald es in der Gegenwart „passiert ist“ und kann deshalb nicht mehr geändert werden. Das Handeln in der Gegenwart zielt deshalb auf Ausformung einer gewünschten noch nicht existenten, also in der Zukunft liegenden, „neuen“ Gegenwart, in der dann neue/andere, und hoffentlich „gewollte“ Handlungsoptionen möglich sind. Zukunft heißt: eine erwünschte neue Gegenwart. Zweitrangig ob Neues zusätzlich zu Bestehendem dazu kommt oder als Ersatz für Bestehendes.

Für eine konservative Wahrnehmung der Welt ist Gegenwart das einzige, das existiert, weshalb man sie möglichst so „stabilisieren“ muss, dass sie sich möglichst wenig verändert, weil Veränderung bedeutet, dass die Gegenwart verloren ist, weil jede Alternative dazu ja nur ein formloser Nebel ist. Was man nicht sehen kann, existiert nicht, und wenn etwas existierendes durch etwas nicht existentes „ersetzt“ wird heißt das: es ist nichts mehr da.

Zukunft heißt aus konservativer Perspektive immer: Verlust.

Verlust von Macht, Privilegien, Status, Geld, Jugend, Leben, Identität, was auch immer. Ersatzlos gestrichen.

Da jede Anschuldigung von konservativer Seite ja bekanntlich in Wahrheit immer ein Geständnis ist, macht das aus dieser Perspektive dann auch Sinn, dass „Die wollen uns was wegnehmen“ ein zentraler Vorwurf gegen alles Nicht-konservative ist und Verlustangst der zentrale Trope all ihrer Narrative und Treiber ihrer Motivation.

Dass z.B. mit dem Ende des Patriarchats für Männer nicht nur Macht- und Privilegienverlust verbunden ist sondern damit neue Freiheiten, höhere Lebensqualität und mentale Stabilität, interessanterem Gefühlsleben uvm. einher gehen können (und aus meiner Sicht: werden), können sie nicht sehen, weil: Nebel.

Der zweite Aspekt, die Motivation hinter ihren Handlungsrezepte, ist aus diesem Weltbild heraus konsequent und logisch:

Die Motivation hinter all diesen Narrativen von z.B. „Alternativen zu Erneuerbaren“ in einer nicht näher definierten „Zukunft“, die sich nur als Weiterentwicklung von Vorhandenem vorgestellt werden kann und nie als Ersetzen des Bekannten durch etwas wirklich „Neues“ – Stichwort „effiziente Verbrenner“, aber auch „kleine“ Atomkraftwerke (die nur kleiner skalierte Varianten der alten sind) oder „E-Fuels“ usw. – ist nicht „Zukunft gestalten“ sondern einfach nur Zeit zu schinden.

Fusion wird  seit ich denken kann (70ger) „in 30 Jahren den Energiebedarf der Welt decken“, E-Fuels versprechen, dass sich die Verbrenner-Technik, bis es sie „irgendwann in passenden Mengen“ gäbe, nicht verändern muss, kleine Atomkraftwerke (SMRs) behaupten das selbe wie Fusion, ignorierend, dass auch die frühestens in 15-20 Jahren ersten Strom liefern könnten.

Merkel hat in den Nuller-Jahren für Mitte der 10er Breitband für alle versprochen und das 3-Liter Auto, in den 10ern dann die Deadline wieder um 10 Jahre verschoben, usw..

Diese Methode, etwas nur weit genug in die „Zukunft“ zu versprechen, aber nichts zu tun, um auch dahin zu kommen und dann einfach nur die Deadline weiter zu schieben ist nichts Neues, sondern bewährte konservative Methode.

Genau genommen machen die das ja genau deswegen: um nichts JETZT machen zu müssen. Ist ja irgendwo in dieser Nebelwand und damit über den Rand der Welt und damit aus der eigenen Handlungswelt geschoben. Out of reach.

Vor diesem Hintergrund ist auch konservative Wirtschaftspolitik dann plötzlich sehr simpel und nachvollziehbar:

Es geht darum, bestehenden (wir würden sagen: veralteten) Geschäftsmodellen und deren Profiteuren möglichst viel Zeit heraus zu schinden, um das Geld, das eigentlich bereits in Zukunftsprojekte fließen könnte, noch möglichst lange in deren Taschen zu leiten.

Denn der aktuelle Geldfluss, ist der, den sie sehen und kontrollieren können, da er ja seit Jahrzehnten etabliert ist und damit bekannt und präsent.

Mögliche alternative Geldflüsse liegen in deren Weltbild ja im Nebel und sind damit quasi nicht-existent. Das einzige, das sie sehen ist, dass der bestehende Geldfluss versiegt. Alles andere liegt hinter dem Ende der Welt, das Wasser fliest in eine Nebelwand ab und fällt quasi über den Rand ihrer Welt in einen undefinierbaren Void.

Wie gesagt: Verlust ist alles, was „Zukunft“ in dieser Weltsicht für Konservative bereit hält.

Jetzt sind Konservative nicht völlig irrational, denen ist durchaus bewusst, dass das Wasser der Geldflüsse nicht einfach „verschwinden“ wird. Und ebenso ist ihnen bewusst, dass ein Status Quo nicht unendlich haltbar ist. In a way ist ihnen durchaus klar, dass ihr gefühltes Weltbild funktionale Probleme hat und Veränderung irgendwann nicht mehr vermeidbar ist.

Aber sie formen halt nicht „Zukunft“.

Zukunft „passiert“ ihnen nur am Ende irgendwann.

Zukunft ist für die wie sterben. Unausweichlich, ja, aber genau deshalb muss man alle Anstrengung darin legen, es möglichst lange raus zu ziehen.

Solange sie noch irgendwie „Kontrolle“ über die Gegenwart haben, tun sie deshalb alles, diese Veränderung so lange wie möglich zu verzögern, auszubremsen, weiter in die Zukunft hinein zu schieben.

Auf menschlicher Seite möglichst hinter ihre eigene Lebenszeit, so dass sie „den Nebel“ nicht selbst erleben müssen.

Auf wirtschaftlicher Ebene weit über die natürliche Lebenszeit ihrer Geschäftsmodelle und den natürlichen Verlauf ihrer Geldflussbetten hinaus, weil sie ihr Geschäftsmodell nicht an eine neue Landschaft anpassen können. Nicht weil sie’s nicht wollen, sondern weil sie die neue Landschaft ja erst sehen, wenn sie da ist (vorher lag die ja unsichtbar im Nebel), und dann – das zumindest ist ihnen klar – ist es zu spät, denn dann fließt das Wasser ja bereits woanders, während sie im jetzt ausgetrockneten Flussbett stehen.