links for 2010-09-15

  • "Erst letzte Woche wurde eine andere Studie veröffentlicht, die ein anderes Bild malt, auch wenn es viele Überschneidungen gibt. Die [extern] Jugendstudie des Marktforschungsinstituts Rheingold geht davon aus, dass die jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren eine Lebenswelt wahrnehmen, die "durch eine ungeheure Brüchigkeit und ständige Erschütterungen" gekennzeichnet ist. Die Jugend glaube, sie könne sich auf nichts mehr verlassen und sei deswegen "angstvoll und ungeheuer anpassungswillig". Diese grundlegende Unsicherheit, die auch die eigene Familie (Scheidungen, alleinerziehende Eltern und unzuverlässige Väter), lasse die Jugend zu einer "Generation Biedermeier" werden, obgleich sie zunächst anders wirkt, eben auch pragmatisch und ehrgeizig: "

Von Abbildung und Wirklichkeit – Ursache und Wirkung

SPIEGEL TV hat sich des Themas „Integration“ angenommen und mit schönen realistisch aussehenden Bildern und Tönen versehen. Schaut euch dieses Video hier mal genau an – nein, leider kann mans nicht einbetten und auch den ewig langen Werbespot vornweg überspringen, aber das sollte am Ende mit etwas Glück den Effekt haben, dass nicht allzu viele Leute sich dieses Machwerk antun. Für diesen Zweck aber empfehle ich für ein kleines Aha-Erlebnis, das einfach mal durchzustehen.

Also: -> Klick hier für das SPIEGEL-Video

Und danach schaut euch dieses hier an:

Und dann fragt euch, wieviele und welche Bilder zu egal welchen anderen Themen (Sozialhilfe, Atom, Afghanistankrieg, usw…) ihr so im Kopf habt, die euch von „Qualitätsjournalisten“ vermittelt wurden. Und was wohl von diesen (und konkret ja auch vom Rest dieser SPIEGEL TV-„Reportage“ (oder sollte man besser sagen „Montage“) ) zu halten sein wird, auch wenn es zu diesen vielleicht nicht zufällig auch noch eine zweite Kamera gegeben hat, die eine andere Perspektive der selben Szene zeigt….


links for 2010-09-14

links for 2010-09-08

  • "[…] The discussion Nonnenmacher wants „” whether about integration, the welfare state, or Islam in the West „” is probably one worth having. But this is not that discussion. This discussion rests on premises so dangerous that Germany had to spend the balance of a century to overcome the consequences of the last time it accepted them; it’s given a veneer of respectability by the unearned, unchecked authority of an economist turned racist populist. This discussion is not one worth the candle. Too many people are only confirming their worst fears and prejudices in a book by a man almost completely unqualified to write it."
  • "Eine Versuchsinstallation des Kontroll- und Überwachungssystems im urbanen Raum" ist ebenso dabei wie ein System zur mobilen Objektverfolgung" oder "kontinuierliches und automatÑ–sches Monitoring öffentlicher Ressourcen wie Websites, Diskussionsgruppen, Usenet-Gruppen, Fileservern, P2P-Netzwerken wie auch privaten Computersystemen."

links for 2010-09-03

  • "Fazit des VBIO: Sarrazin hat die grundlegenden genetischen Zusammenhänge falsch verstanden – seine Aussagen beruhen auf einem Halbwissen, das nicht dem Stand der Evolutionsforschung entspricht."
    (idw – Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland, 03.09.2010 – DLO)
  • […] Bosbach wie auch die veröffentlichenden Medien erwähnen nicht die genauen absoluten Zahlen derer, die zu Sprachkursen verpflichtet werden müssen. Nehmen wir an, wir haben eine Grundgesamtheit von 1.000 Menschen, die in Deutschland leben und kein Deutsch sprechen. Wenn von diesen Menschen lediglich zehn verpflichtet werden müssten, einen Sprachkurs zu belegen, 990 das aber freiwillig tun, dann würden schon drei Verweigerer (die vielleicht aus ganz anderen Gründen als mangelndem Integrationswillen nicht zum Kurs erscheinen), 30% ausmachen. […]
  • […]Viel skandalöser ist die Aufnahme, die sie erfahren. Wieso eigentlich muss so ein Machwerk, statt ignoriert zu werden, über den „Spiegel" verbreitet, in Talk-Shows popularisiert werden, […]? Natürlich, weil die Blattmacher wissen, dass es einen gesellschaftlichen Echo-Raum für die kalte Menschenfeindlichkeit gibt, die Sarrazin zum Ausdruck bringt. Weil es Milieus gibt, in denen dieser Rassismus längst schon blüht. Weil die Wortführer dieser Milieus, […], der schrägen Auffassung anhängen, sie würden von der „politischen Korrektness" verfolgt und die sich deshalb mit dem Attribut schmücken, sie würden „unterdrückte" Meinungen äußern, dass es Mut bräuchte, „Klartext" zu reden, und sie diesen Mut aufbrächten. […] Nein, man muss nicht mutig sein, um andere Menschen zu beschimpfen. Mit der ostentativen Freude daran, andere Menschen verachten zu können, kommt man heute auf Bestsellerlisten. Dummheit ist, wenn schon nicht erblich, dann in jedem Fall einträglich.
  • Thilo Sarrazins Äußerungen zu Judengenen und zur ganz natürlichen Dauerverdummung der Deutschen durch Moslems und anderes ihm anscheinend eher fremden Zeugs sind von einer solchen Idiotie geprägt, dass es ähnlich sinnvoll wie bei Eva Hermanns Autobahn-und Loveparadegeschichten ist, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Es wäre also das Allereineinfachste (und Sinnvollste), jemanden wie Sarrazin blubbern zu lassen und ihm dabei zuzusehen, wie er „” ebenfalls wie Eva Hermann „” irgendwann mal auf dubiosen Webseiten wirre Kommentare schreibt oder bei NPD-Stammtischen in Mecklenburg-Vorpommern als aufrechter Deutscher gefeiert wird. Die Sache ist in Demokratien doch ganz einfach: Sarrazin darf das natürlich sagen und schreiben „” und ich kann das widerlich finden.
    Das ist allerdings nicht so einfach, […]

links for 2010-09-02

  • "[…] Frei erfun­dene Fak­ten, wie Thilo S. sie in die Welt setzt, sind ein Pro­blem für öffent­li­che Dis­kurse. Wenn ein Abgleich mit der Rea­li­tät es nicht mehr erlaubt, Argu­mente zu wider­le­gen, wer­den Dis­kus­sio­nen belie­big. Das stär­kere Argu­ment zeich­net sich nicht län­ger durch Plau­si­bi­li­tät son­dern nur noch durch Laut­stärke aus. Je stär­ker eine Trut­hi­ness im Reso­nanz­kör­per der Öffent­lich­keit wie­der­hallt, je gefüh­li­ger und kna­cki­ger sie viel­leicht Vor­ur­teile bedient, desto mehr wird sie zur Wahr­heit. Schnell wird ein frei erfun­de­nes Dik­tum in den Struk­tu­ren der moder­nen Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie tat­säch­lich psy­cho­lo­gi­sche Rea­li­tät.[…]"

Sklavenhändler

Mir gehen die Worte aus, ich kann garnicht ausdrücken, wie wütend ich gerade (mal wieder) bin….

[…] „Es werden auch im Bereich geringqualifizierter Arbeit sehr viel mehr Arbeitsplätze entstehen als viele Skeptiker glauben. Früher wurden an der Tankstelle die Scheiben gewischt oder es wurden morgens Brötchen ausgetragen“. Vereinzelt gebe es auch hierzulande schon Schuhputzer oder wie in den USA Tütenpacker im Supermarkt. […]

(via Telepolis: Neue Diskussion um Arbeitspflicht für Hartz-IV-Bezieher)

Genau, Arme sollen gefälligst Armenarbeit machen, wie die Verzweifelten in Amerika. Und wenn sie nicht verzweifelt genug sind, das freiwillig zu tun, dann eben mit Zwang. Hat damals ja auch schonmal funktioniert, damit die Wirtschaft anzukurbeln und die Reichen noch reicher zu machen.

Diesem Unterdrückungs- und Demütigungssystem spreche ich jegliche soziale Intention im Sinne „soziale Sicherheit und Achtung aufs Gemeinwohl“ ab und bin inzwischen stattdessen überzeugt, dass mit HartzIV der Sozialstaat abgeschafft wurde und ein klassistisches Kastenwesen eingeläutet wurde. Die Reportagen, die du zu sehen bekommst und dich aushaken lassen gehören da genau hinein in die Propaganda, die das Bild der „typischen HartzIV-Schicht“ malt und festigt.

Wir hauen Millionen und Abermillionen für unterirdische Bahnhöfe und ähnlichen Kram raus, für Kriege und für Banken, die sich verspekulierten und schenken weitere Milliarden deren Kunden, die ihnen das Geld zum spielen überließen, weil sie hofften, noch reicher zu werden – aber die Schlagzeilen machen alle halbes Jahr ein Einzelfall HartzIV, mal ists wer, der doch tatsächlich „uns Steuerzahlern“ 10 Euro zuviel „aus der Tasche zieht“, so dass er statt 50 mal 60 Euro zum ausgeben hat, oder mal eine Familie die (wenn sie überhaupt echt ist) nicht gebildet genug ist (was auch zum System gehört) und sich in „Reality-Shows“ von einem Kamerateam vorführen und ausschlachten lässt und an den Pranger stellen lässt und dem vor Abstiegsangst getriebenen Mittelständler ein gruslig-exotisches Bild mit der unterschwelligen Botschaft „Das wird aus dir, wenn du nicht spurst! Und bist du erst mal drin, kommst du da auch nie wieder raus“ in sein Wohnzimmer bringt.

Kocht denn das Wasser schon längst und wir blöden Frösche habens einfach nicht bemerkt und sind schon tot oder können wir noch raus aus dem Topf?

Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich?
Sklavenhändler, ich tu alles für dich!
Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich?
Sklavenhändler, ich tu alles für dich!

Ich verkauf dir meine Hände, ich verkauf dir meinen Kopf.
Ich versprech dir, nicht viel zu denken, und ich schau dir nicht in deinen Topf.
Für mich bist du der Engel, der uns Armen Arbeit gibt.
Ohne dich wär ich verhungert, ich bin froh, daß es dich gibt.

Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich?
Sklavenhändler, ich tu alles für dich!
Sklavenhändler, geh zum Telefon.
Hörst du nicht, es klingelt schon.

Und wenn ich sieben fuffzich verdiene, geb ich dir drei fuffzich ab.
Ich brauch nur was zu essen und vielleicht ein bißchen Schnaps.
Ich brauch überhaupt nicht viel Geld, denn ich bin ein schlechter Mensch.
Ich hab mein ganzes Leben nichts gelernt, außer daß man besser die Fresse hält.

Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich?
Sklavenhändler, ich tu alles für dich!
Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich?
Sklavenhändler, ich tu alles für dich!


E-Post-Brief geht mal garnicht

Es erscheint mir mehr als ratsam, keinesfalls bei E-Post mitzumachen, nicht nur, aber auch schon wegen dieser Klausel in den AGBs, denn diese Zustell-Zeitpunkt-Sache da ist nicht bloß lächerlich wie viele andere Behauptungen in deren Werbung, sondern in Zeiten, in denen das Handy an der Firmensteckdose aufzuladen schon ein fristloser Kündigungsgrund sein kann oder Abmahnungen und ähnliches mit Fristen von grade mal 24h versehen werden o.ä. richtig gefährlich:

[…]Der Nutzer wird daher aufgefordert, mindestens einmal werktäglich den Eingang in seinem Nutzerkonto zu kontrollieren. Von einer regelmäßigen Kenntnisnahme eines E-POSTBRIEFS mit elektronischer Zustellung durch den Privatkunden ist daher spätestens am Werktag nach Eingang im Nutzerkonto auszugehen. Beim Geschäftskunden ist von einer regelmäßigen Kenntnisnahme bei Eingang innerhalb der üblichen Geschäftszeiten am gleichen Werktag auszugehen, ansonsten mit Beginn der Geschäftszeiten am darauf folgenden Werktag.

Der Kunde muss täglich einmal seinen E-Mail-Eingang überprüfen – auch im Urlaub. „Ein weitgehender Eingriff in den Lebensbereich der Kunden“, so Udo Vetter. Eine selbst definierte Regelung der Deutschen Post AG, die beim normalen Postbrief nicht so eng gefasst werde. Vetter vermutet, hier möchte die Post ihren Service vor allem für Großkunden aufwerten, nach dem Motto: „Verschick doch Deine Kündigungsfristen über uns – wenn ein Kunde im Urlaub seine Mails nicht checkt (und das werden die Wenigsten), dann hat er halt Pech gehabt!“ […]“

Wem das nicht reicht: Richard Gutjahr hat noch ein paar Gründe mehr gefunden, z.B., dass eine gelöschte Mail mitnichten gelöscht ist, also vergleichbar wie „Real“-Briefe postlagern lassen, sie nur auf dem Amt einsehen (OK, eine Kopie machen und mitnehmen) und wenn ich sie wegwerfen will werden sie halt meinem Zugriff entzogen, sozusagen in eine andere Schachtel gesteckt. Natürlich hat Vater Staat auch einen Generalschlüssel und kann mein Postfach theoretisch jederzeit durchsehen, nicht nur mal einen einzelnen Brief sondern die komplette Konversation (inklusive angeblich gelöschter, die kann ja nur ich nicht mehr sehen) einer nicht näher definierbaren Zeit. Und noch viel mehr Zeug, wo man sich nur noch an den Kopf langen kann, wenn man das mal durchdenkt, was das alles bedeutet, handelte es sich um echte, also materielle, Briefe.

Nachtrag: Achso, und wer denkt, dass die andere Bürokratie-Monströsität „DE-Mail“ einen Deut besser wäre: Das ist sie natürlich nicht. (via Jens)

Muss man sich auch gar nicht lange fragen – und auch kein Verschwörungstheoretiker sein – warum eine Mail, die über Server laufen soll, auf die Ermittlungsbehörden mehr oder weniger unbegrenzten Zugriff haben, nicht so verschlüsselt sein soll, dass sie dort nicht entschlüsselt werden kann sondern erst beim eigentlichen Empfänger. Denn nein, technisch notwenig ist eine solche Entschlüsselung freilich nicht. Sonst würden die vielen schon verfügbaren Verschlüsselungsmöglichkeiten ja nicht schon seit Jahren funktionieren.


Held des Augenblicks – Bewerbungsvideo für Krimi 2.0

„Held des Augenblicks“ ist der Wettbewerbsbeitrag der Singvøgel für den Titelsong des Grassroot-Filmprojektes „Krimi 2.0“, das von Michael Jäger gestartet wurde. Für die Bewerbung wurde gewünscht, eine Demo in ein Video zu packen. Wie es der Zufall wollte, mussten wir nicht wie befürchtet selber ein Beschwichtigungsvideo basteln (wir hatten schon ein paar Strichmännchen-Zeichnungen fertig, die wir mit ein paar Bandfotos zu einer Slideshow zusammenbasteln wollten) – The mighty internet hive bescherte uns via Alex den Kontakt zu einem Videokünstler, der uns nicht nur zusagte, uns ein Video für lau zu drehen, nein, uns klappte die Kinnlade runter, als er uns sagte, er käme am Wochenende unseres Auftritts auf dem großartigen Iserlohner Friedensfestival mit „den Darstellern vorbei zum Filmen von ein paar Live-Schnipseln“ – mit was?? „Den Darstellern“ Hammer, plötzlich hatten wir ein Video mit richtig vielen Schauspielern, denn George holte Cast My Life, mit denen zusammen er das „Julia und Julia“-Projekt realisiert, auch für unser Video ins Boot! So sprachlos hat man mich glaube ich noch selten gesehen 🙂

Ich denke, das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen, ich kann kaum glauben, dass dieses Teil wirklich alle Geschwindigkeitsrekorde gebrochen hat, denn der Song wurde geschrieben und arrangiert an je einem halben Tag, in unserem Proberaum komplett aufgenommen und abgemischt an einem einzigen Wochenende, und zwischen dem ersten Anruf bei George bis zum Hochladen des fertigen Videos vergingen für Konzept, Script, Filmaufnahmen, Rohschnitt, Nachdreh, Endschnitt und Postproduction nochmal grade mal 14 Tage. Und hätten Crew und Filmtechniker während dieser Zeit nicht noch „nebenher“ ihre eigentliche Arbeit an ihrem Web-Soap-Projekt „Julia & Julia“ gehabt wäre es wahrscheinlich nochmal schneller gegangen!

Und das Video zeigt, dass Michaels Vision, dass „das Netz“ etwas kreatives erschaffen kann, schon jetzt funktioniert, denn ohne dieses Internet da wäre nichts davon zustande gekommen, Kontakt, Vernetzung, Kommunikation lief übers Netz, wir hätten nie diese vielen tollen Menschen kennengelernt geschweige denn, dass wir zusammen ein Video gemacht hätten. Somit ist dieses Bewerbungsvideo nicht nur Bewerbung und Beitrag zu einem interessanten neuen und kreatives Konzept – nein, genau genommen ist es schon eine Vorwegnahme – und irgendwie dadurch auch ein Versprechen, dass auch die „große“ Vision Chancen auf Realisation hat – mit etwas Vetrauen darauf, dass dieses seltsame Universum einem schon irgendwie die Möglichkeiten bietet, auch wenn man selber keine Ahnung hat, wie es das anstellen könnte. Das Leben findet immer einen Weg, um mal einen anderen Schauspieler zu zitieren. Drum ist es auch gut, dass das Projekt trotz manchem Zweifel weitergeht und dem Universum die Tür für so manche Überaschung offen bleibt…

Musik:
Die unverwechselbaren Singvøgel

Video:
Der unvergleichliche George P. Schnyder

Casting/Cast:
Die unglaublichen Mädels und Jungs von Cast My Life

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Wahrheit vs. Universum

Seit die Definition von „Wahrheit“ des „Kirchenvaters“ Augustinus als Basis für die Etablierung der Dogmenstruktur des Christentums herangezogen wurde und das Prinzip dieser Dogmenstruktur über die Jahrhunderte als fundamentaler Teil „westlichen“ Denkens internalisiert wurde hat die westliche Denkwelt ein Problem mit dem Universum und den Bildern, die sie sich von diesem macht. Konkret: zu oft wird dieses Bild mit dem Original verwechselt und versucht, das Universum zu betrachten, indem man nur auf das Bild, das man sich von ihm machte, schaut. Und dieses Bild zum wahren Universum erklärt, als ob man davon nicht aufschauen müssen möchte weil man sich ja sonst mit der Komplexität des echten Universums rumärgern muss, dessen Haupteigenschaft eine verwirrende Vielfalt zu sein scheint. Wo doch Einfalt viel einfacher sein kein.

Derzeit zeigt sich dieser IMO integrale Teil unserer hiesigen „Denkkultur“ in einer Diskussion über Homöopathie und deren Bezahlung (bzw. der Bezahlung der vorangehenden Arztgespräche) seitens der Krankenkassen. Ich stimme dem Schockwellenreiter zu, die gesamte Diskussion ist ein Ablenkungsmanöver, nichtmal ein besonders gutes, weil – eigentlich – völlig durchsichtig und so platt, dass eine Schicht Blattgold dagegen ein Hochgebirge ist. Dennoch funktioniert es, offensichtlich, denn die ersten Kommentare auf den Hinweis „Hey, hier wurde ein Ablenkungsmanöver gestartet“ sind welche, die genau dieses Wahrheitsspiel mitmachen und nichts besseres zu tun haben als eben ihre jeweiligen „Wahrheiten“ zu verteidigen.

An anderer Stelle passiert dies freilich ebenfalls, und wer derzeit gerne live und in Farbe wissen möchte, wie das passieren kann, dass religiöser Fanatismus am Ende zu solchen Auswüchsen wie Inquisition, Kreuzzügen oder „nur“ Galileischen Widerrufen führen kann muss sich nur in zig Foren, Twitter- und facebook-Timelines und Kommentarthreads unter Blogeinträgen oder News-Seiten diesen Glaubenskrieg anschauen, der hier ausgebrochen ist.

Wobei mir viele Homöopathiegegner – sich offensichtlich im alleinigen Besitz allumfassender Wahrheit wähnend wie sonst nur der Papst – in ihrem religiösen Missionarseifer weit schlimmer vorkommen als die von ihnen bestenfalls als naiv, schlimmstenfalls als reif für die Klapse geschmähten Homöopathie-Befürworter, sprich, absolut kompromisslos in der Verkündung dessen, was Wahrheit sei – und der Überzeugung, dass alles, was dieser nicht entsricht nur falsch, Häresie, teuflischster Aberglaube sein könne, völliges Unverständnis zeigend, ja, schier Verzweiflung darüber, wie es denn sein kann, dass jemand nicht das Licht der reinen und wahren Lehre erkennen kann oder sie gar ablehne in seiner wahnhaften Verhaftung in Unwissenheit und Blindheit, denn eine andere Erklärung kann es nicht geben für diese Verstocktheiten, und zum Wohl aller und der Durchsetzung der wahren Wahrheit muss diese Verstockung gebrochen werden. Denn alles, was nicht der einmal definierten Wahrheit entspricht ist tiefster Aberglaube. Und Aberglaube bringt bekanntlich großes Unglück!

Und wie es sich für gute Fundamentalisten gehört: Gegen mich ist, wer nicht für mich ist: dieses Urteil trifft nicht nur Menschen, die Homöopathie gut finden, sondern auch alle, denen es wurscht ist bzw. eben alle, die sich nicht ebenfalls und explizit als Gegner dieser Irrlehre positionieren.

Auf die Idee, dass das, was heute als „Wahrheit“ gilt stets nur das Abbild der derzeit vorhandenen Informationen sowie eine (von vielen möglichen) Deutung dessen sein kann, und somit binnen Sekunden, je nachdem, welche noch unbekannte Information noch dazukommt, komplett obsolet sein kann – letztens sah ich eine Reportage über den vor grade mal 60 Jahren entdeckten Jetstream, ohne den heute weder Flugrouten noch Wetterprognosen mehr denkbar sind, und „Monsterwellen“ gibt es erst seit 10 Jahren, davor waren sie auch reines Hirngespinst, Aberglaube, Seemannsgarn, bestenfalls hysterischer Sinnestrug – kommen diese Verfechter und Besitzer der einzig wahren Wahrheit nicht.

[Ergänzung 14.07.] Witzigerweise sind „richtige“ Wissenschaftler sich dieser Unsicherheit durch den stets momentanen Charakter der eigenen Erkenntnisse meist bewusst und formulieren eben so gut wie nie „Wahrheiten“ sondern: Hypothesen, Thesen, Interpretationen, Erkenntnisstände, etc. pp., und unterscheiden zwischen dem, wofür diese Begriffe stehen, auch recht genau. Und dass es Eindeutigkeit im Normalfall (!) nur in zuvor idealisierter Umgebung gibt und dass eine solche freilich außerhalb geschlossener Systeme nicht hergestellt werden kann und dort der Komplexität der sogenannten „Wirklichkeit“ geschuldet die Eindeutigkeit der Näherung – und des steten Risikos der Missinterpretation vorhandener Information oder deren Befundung – weichen muss wissen sie im Normalfall ebenfalls.

Wenn es nicht so erschreckend wäre, es wäre schon wieder komisch in seiner Ironie: viele derer, die am lautesten „Vernunft! Aufklärung!“ brüllen – und damit andere Sichtweisen nieder zu brüllen versuchen – zeigen am fanatischsten alle Symptome voraufklärerischen Dogmenglaubens mit all seinen Auschschluss-Logiken , Verwechslungen von Motiv und Abbildung (Phänomen und Erklärungsversuch, Wahrnehmbarem und Definition, …) bis hin zu Forderungen, die dem Denkmodell und Absichten einer spanischen Inquisition so nahe kommen, dass man schon Angst haben muss, dass demnächst Homöopathen oder auch nur Menschen, die öffentlich behaupten, Homöopathie habe ihnen geholfen, auf Scheiterhaufen landen. OK, sowas veträgt sich heute nicht mehr mit dem Jugendschutz und den Hygienegesetzen, aber einweisen wäre doch eine Option?

Ja, diese fanatische Vehemenz mancher Homöopathiegegner erinnert mich fatal an das Prinzip religiöser Dogmen, die ebenfalls auf einer (von Augustinus mit dem Prinzip der „einen Wahrheit“ formulierten) Ausschlusslogik eines eindeutigen „wenn eines richtig ist ist alles andere automatisch falsch“ und ihre Durchsetzung „alles sich so als Falsches ergeben habende muss bekämpft und ausgerottet werden“ basiert und in einer Absoultheit einer schwarz-weißen Denke weder Zwischentöne noch schlicht „Anderes“ zulässt und die Komplexität einer „Realität“ mit all ihren bunten und oft eben auch (noch) unerklärlichen Phänomenen dadurch zu kontrollieren versucht, dass diese Realität eben „einfacher“ definiert wird und alles, was nicht in die Definition passt auch nicht mehr als Realität oder Teil einer solchen anerkannt wird. Dogmen wurden allerdings erfunden als Instrument der Kontrolle und des Machtgewinnes bzw. Machterhalts. Und genau dafür funktioniert das Prinzip, auf dem sie basieren.

Dieses Denkmodell, so meine These, ist schlicht ein Teil der, im Kern christlich geprägten, hier „im Westen“ üblichen Denk-Kultur. Der Wunsch nach „der“ allgemeingültigen Wahrheit, die stets nur „entweder – oder“ kennt, dessen Entscheidung für das eine automatisch die Ablehnung alles anderen fordert und ein „sowohl – als auch“ nicht nur nicht kennt sondern konsequent verhindert ist ein erst tradiertes, dann internalisiertes Denkmuster. Der daraus resultierende Denkfehler, wie Antje Schrupp dieses Phänomen bezeichnet, ist das konsequente – und ursprünglich auch mal genau so gewollte – Ergebnis mit den von ihr beschriebenen Auswirkungen:

„[…] Mir scheint diese Vorstellung, dass Wahrheit gleichbedeutend mit Allgemeingültigkeit ist, und dass Lösungen nur real sind, wenn sie immer und überall gelten, einer der grundlegenden Denkfehler unserer Kultur zu sein. Anstatt von der Wirklichkeit auszugehen, wie wir sie vorfinden, und im Umgang mit ihr Erfahrungen zu sammeln, versuchen wir, abstrakte Regeln und Gesetze auf konkrete Situationen anzuwenden – notfalls mit Gewalt. Und anstatt bei einem realen Problem eine pragmatische Lösung zu suchen, lassen wir das lieber sein, sobald uns theoretisch irgend eine andere Situation einfällt, in der das möglicherweise nicht funktionieren würde. […]“

Und weil das so ist und immer noch richtig gut funktioniert ist die beste Methode der Politik, von echten Problemen abzulenken: einen Religionskrieg mit klar definierten und polarisierten Feindbildern anzuzetteln.

Und wenn zusätzlich behauptet wird, dass die eine Seite der anderen was wegnähme, wie es sich in jeglichen Sozialsystemdiskussionen bewährt hat, wo sich eine zahlende Mittelschicht von denen, die alles haben und nichts davon abgeben wollen, erzählen lassen, dass sie nicht etwa deshalb soviel zahlen, weil die, die viel hatten, sich nach ihrem Bankencrash gern ihre Verluste wieder ausgleichen lassen möchten, sondern weil die Opfer dieses Wirtschaftspolitikprinzips der Konzentration und Sicherung des Vielen auf Wenige angeblich „so viel kosteten“, und behauptet wird, dass sie den Menschen am Existenztenzminimum und darunter zynisch „römischer Dekadenz“ finanzierten, dann funktioniert das grade nochmal so gut, denn nichts ist effektiver zur Steuerung und Ablenkung des Mobs geeignet als den Besitz der absoluten Wahrheit und auf Sündenböcke umgeleitete Empörung zu kombinieren.

QED

Nachtrag: Weiter bei Martin: „Von was der „Homoöphathie-Glaubenskrieg“ ablenkt“

P.S.: der Artikel ist glaub ich etwas wirr. Das liegt daran, dass ich ihn nicht an einem Stück schrob sondern zwischenspeicherte und nach ein paar Stunden versuchte, „fertig“ zu schreiben. Es ist ein Wunder, dass ich das geschafft habe, denn normalerweise brauch ich nix zur späteren Vervollständigung speichern, da ichs eh nicht fertig mache. Naja, an der teilweisen Wirrnis dieses Artikels kann man wohl auch erkennen, warum. Den nächsten Artikel versuche ich wieder an einem Stück fertig zu knödeln, versprochen 😉

P.P.S.: Disclaimer: ich bin kein Homöopathie“befürworter“. Ich bin aber auch kein Homöopathie“gegner“.